Obsession erscheint in Boyles Roman nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand.

Wie weit darf Obsession gehen – und ab wann ist sie keine Leidenschaft mehr, sondern eine Flucht vor der Entscheidung?

T.C. Boyle stellt diese Frage in No Way Home mit unangenehmer Konsequenz. Sein Roman erzählt vom Drang, das eigene Leben ausgerechnet mit einem Menschen verbringen zu wollen, der objektiv nicht passt. Oder mit zweien. Oder mit einer Fantasiefigur, die Sicherheit und Rausch, Ordnung und Exzess zugleich verspricht.

Bethany will Terry. Wegen des Hauses, der Stabilität, der Aussicht auf ein Leben, das nach Zukunft aussieht. Terry wiederum könnte mit ihr ausbrechen, zumindest hinter der bürgerlichen Fassade. Gleichzeitig ist da Jesse: attraktiv, unzuverlässig, Sex, Drogen, Rock’n’Roll. Bethany will alles – den Mediziner aus der Großstadt und den Lehrer, der nach Dienstschluss seine Aktentasche vergräbt und in eine andere Wirklichkeit abtaucht. Doch dieses Mischwesen existiert nicht. Also müsste man sich entscheiden. Was, man ahnt es, gerade erstaunlich schwerfällt.

Boyles Perspektivwechsel

Boyle erzählt mit Perspektivwechseln, zunächst aus Terrys Sicht. Der junge Assistenzarzt erfährt im Klinikstress vom Tod seiner Mutter. Sie hinterlässt ihm eine Hündin, ein Haus und ein Leben in Boulder City, das er nicht will – und dort erst recht nicht. Terry ist ein steifer Typ, nie ganz im Einklang mit sich selbst: „Seine Arme scheinen nie im Einklang mit dem Rest seines Körpers zu sein.“ Ein Satz wie ein Röntgenbild.

Dann Bethany. Fordernd, skrupellos, direkt. „Sie verschwendete keine Zeit, zog sich das Kleid über den Kopf und warf es irgendwo hin …“ Sie will Terry, sie will das Haus, sie will Daisy. Aber sie will auch Jesse. Der kann ihr nichts geben außer Begehren, Drogen und die Illusion von Freiheit. Für das letztlich erstaunlich spießige Lebensbild, das Bethany vorschwebt, reicht das nicht. Terry könnte es erfüllen. Für einen Moment scheint alles möglich, sogar eine Ménage à trois. Doch genau das verweigern die beiden Männer. Stattdessen bekämpfen sie sich – leise, erbittert, ohne Aussicht auf Gewinner.

Figuren lernen nichts

Boyles Figuren lernen nichts. Schon gar nichts über sich selbst. Darin erinnern sie an Steinbecks Cannery Row, nur ohne Nostalgie. No Way Home blickt nicht zurück, sondern geradewegs in die Gegenwart eines Landes, das sich an Obsessionen klammert, weil Entscheidungen Verzicht bedeuten – und Verzicht kaum noch auszuhalten ist.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Härte dieses Romans:
Obsession erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand.
Und für manche Lebensentwürfe gibt es tatsächlich keinen Weg nach Hause.

T.C. Boyle: No Way Home. 2025 bei Hanser erschienen, in der wie immer hervorragenden Übersetzung von Dirk van Gunsteren.