Du stehst am Meer und schließt die Augen. Du spürst alles und hältst einen Moment inne. Und dann öffnest du doch den Blick. Du schaust hoch – und siehst dieses Licht. Das Licht und, wenn du den Blick senkst, das Meer. Und die Bäume, diese seltsam vom Wind geformten Bäume.
Die Kunst hat hier nach Muße gesucht, nach Gesundheit oder nach Liebe. Die Kinder wollten Freiheit. Robert Musil, Kurt Tucholsky, Alfred Kerr, Franz Kafka, Erich Kästner, Hans Fallada, dann Walter Kempowski – große Namen neben vielen weiteren. Und wirklich: Graal-Müritz ist ein eigentümlicher Ort.
„Aber das ist’s, was den Strand so schön macht, das Farbige, das Bunte, das vom Alltag und den trübseligen Moden der arroganten Steinwüste losgelöste.“
Fallada hatte recht. Es war das Glück im Augenblick. Nicht gestern, nicht morgen. Jetzt und hier.
Als Kind war Rudolf – wie es damals noch hieß – viermal hier, mit den Eltern und den Geschwistern. Eine wohlig andere Welt, fernab der schulischen Zwänge, die berlinisch waren und wilhelminisch.

Zucht, Rohrstock und Strenge kannte auch Musil, der die frühen Jahre auf kalten Militär-Realschulen verbringen musste – ein Wunsch seiner Eltern. Hier war alles anders. Das Waldhotel an der Parkstraße lässt sich mit wenig Fantasie noch ins Jahr 1906 versetzen. Hier lernte Musil Martha Marcovaldi kennen. Den Mann ohne Eigenschaften hatte er damals natürlich noch nicht geschrieben. Aber irgendwie glaube ich, dass dieser Ort in seinem Kopf weitergelebt hat.
Flausen im Kopf hatte bestimmt Erich Kästner, der 1914 in Graal war. Im Sommer. Mit seiner Mutter und seiner Kusine Dora, spendiert von Tante Lina. Und ich musste an Kästners Erinnerungen denken: Als ich ein kleiner Junge war. Hier war die Zeit noch nicht kaputt. Doch die große Katastrophe stand bevor.
Vom Ausbruch des Weltkrieges, von dem man noch nicht weiß, dass es der erste ist, erfährt Kästner als Fünfzehnjähriger in den großen Ferien. „Die apokalyptischen Reiter holten ihre Pferde aus dem Stall“, schreibt er später.

Und Kerr, der 1915 seine Eindrücke schildert? „Waldbegraben“ sei Graal, „an einer reinlich-frischen Brandung“ liegend. Und überhaupt der Duft der Bäume. Eigentlich wollte Kerr bleiben. Und hier weiter Fahrrad fahren. Viel heiler als die Welt da draußen.
Und vielleicht hilft die Liebe.
Tucholsky flitterte 1920 mit Else Weil unweit im Buchenhof, heute ein etwas wild zusammengewürfeltes Heimatmuseum, so wie Heimatmuseen eben oft sind. Die Ehe sollte scheitern, die Erinnerung bleibt.

Von Kafka war bei meiner fast verzweifelten Suche nichts mehr da. Das Haus an der Gartenstraße nicht, nur eine Straßenkreuzung, dort ein in die Jahre gekommenes Schild, das an ihn und Dora erinnert, seine letzte große Liebe. 1923 war das.
Und ich blättere in alten Briefen. Ein flüchtiges Glück im Schatten des nahenden Todes.
„Die Luft ist gut, die Gegend schön, Wald und Meer in unmittelbarer Nähe […]. Es ist ein sanftes Land, fast ohne Steigung, die See ist sanft, der Wald ist sanft.“
Viel Leben hatte Walter Kempowski hier verbracht. Er selbst wurde zum Jahrhundertzeugen. Seine Eltern sollen sich wohl auf der Graaler Seebrücke kennengelernt haben.
„In Graal-Müritz, wo die Seeluft so gut sein sollte, trafen sie sich. Karl im hellen Sommeranzug und Grete im matrosenartigen Kleid mit großem Kragen. Überall Kiefern und der Geruch von Brandung und Harz.“
Kempowski schreibt das in seiner Deutschen Chronik, im ersten Band. In den Dreißigern war die Familie oft hier, wieder – wie bei Kästner – ein Ruhepol vor dem Krieg, diesmal dem zweiten. Und dann immer wieder Graal-Müritz. Kempowski war auch in den Neunzigern hier, als es die DDR nicht mehr gab, und hielt eine Lesung im Haus Grahl.
Und jetzt stehe ich hier. Am Meer. Habe nach Spuren gesucht, ein paar gefunden. Und habe vor, zu Hause Texte von denen zu lesen, die auch hier waren.
Gegen euch bin ich nichts. Aber ich verstehe, dass dieser Ort zum Schreiben bringt.
Betäubt
Wenn du den Augenblick erlebst,
Und wenn der Augenblick geschieht,
Dann bist du längst betäubt.
Und wenn das Licht mehr Licht verlangt,
Und wenn der Graben immer breiter wird,
Dann wirst du nichts verstehen.
Du rückst den Zeiger vor,
Das Zifferblatt zerfließt,
Suchst Antwort, findest Fragen,
Warst am Ziel – und hast es nicht gewusst.
Ich seh dich laufend bis zum Meer,
Du blickst dich nicht mehr um.
Vielleicht liegt darin der Fehler,
Vielleicht ist es, was die Zeit dir schenkt.
Und wenn das Licht zum Dunkel wird,
Und der Graben sich geschlossen hat,
Dann verstehst du – den Augenblick.