Robert Seethaler erzählt die stille Geschichte von Andreas Egger – von harter Arbeit, Einsamkeit und kleinen Glücksmomenten. Eingebettet zwischen der rätselhaften Figur des Hörnerhannes und der Ruhe des eigenen Endes entfaltet sich ein Leben, das schlicht wirkt und doch voller Tiefe ist.

Die Sprache ist einfach, aber nie billig oder klischeehaft. Sie macht das Zugeschneite noch einmal auf eine Weise sichtbar, die den Lesenden neue Erkenntnisse bringt – oder längst Verschüttetes wieder an die Oberfläche holt. Unser Leben ist eine Reise mit viel zu viel Gepäck. Vieles braucht es gar nicht, wie Robert Seethaler in Ein ganzes Leben beschreibt. Manche Last aber bleibt, und man muss Wege finden, mit ihr umzugehen. Ich habe die Geschichte um Andreas Egger mit großem Vergnügen gelesen – und das Buch beschäftigt mich auch Monate später noch.

„Du schaust den Leuten eben nur vor den Kopf“ – ein Spruch aus dem Volksmund, den ich immer für recht weise gehalten habe. Er gilt auch für jene, die als Käuze verschrien sind, als Eigenbrötler, als Unnahbare. Menschen, die durch ihr eigenes Handeln in eine Lebensweise geraten sind, von der man sich lieber absetzen möchte. Vielleicht macht diese Andersartigkeit sogar Angst – oder man erklärt sie kurzerhand zum Schauermärchen, mit dem man Kinder erschreckt. Doch es lohnt sich, hinter die Äußerlichkeiten eines solchen Lebens zu blicken.

Man stelle sich etwa einen Reisenden vor, der in einer Winternacht in jenes Bergdorf kommt, in dem Seethalers Geschichte spielt. Die Dorfbewohner erzählen vom seltsamen Alten in der Hütte weiter oben, der einmal in der Woche ins Dorf hinuntergeht, um Zündhölzer und Malerfarbe oder Brot, Zwiebeln und Butter zu besorgen.

„Wenn er sich mit den Einkäufen auf seinem selbstgebauten, im Frühling mit kleinen Gummirädern aufgerüsteten Schlitten wieder auf den Heimweg machte, sah er aus den Augenwinkeln, wie sie hinter seinem Rücken die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen.“

Am Ende zieht sich Egger in seine Hütte zurück, lebt ein zufriedenes Leben als Einsiedler und weiß bei einem letzten Ausflug in unbekannte Gegenden: Es ist gut, wieder nach Hause zu kommen. Einer Frau konnte er sich nie wieder annähern, auch nicht der neuen Dorfschullehrerin, die vorsichtig Kontakt sucht. Andreas Egger hat die Einsamkeit gewählt.

Eingerahmt wird sein Leben von der Figur des Hörnerhannes, den er zu Beginn des Romans aus einer „seltsamen Ahnung“ heraus aufsucht. „Dem Alten“, so schreibt Seethaler, „hockte der Tod bereits hinter der Stirn.“ Egger will ihn ins Dorf tragen. Doch der Hörnerhannes springt von seiner Schulter, verschwindet und ruft noch: „Dem Tod ist noch keiner davongerannt.“ Mit dieser Erkenntnis endet auch Seethalers Roman. Nur blickt Egger der todbringend kalten Frau, die einst der Hörnerhannes gesehen haben will, nun mit Ruhe entgegen.

Seethalers Buch ist eine Einladung, „hinter die Stirn“ zu blicken, sich nicht auf Vorurteile zu stützen und Menschen eine Chance zu geben. Jedes Leben ist wertvoll, hat helle und dunkle Momente. Auch die harten Figuren – wie Eggers Ziehvater, der beide Söhne im Krieg verliert – sind in diesem Roman nicht nur Täter, sondern zugleich vom Schicksal gezeichnet. Am Ende schließt sich der Kreis: Andreas Egger wird in seiner Lebensreise selbst zum Hörnerhannes. Und wir Lesenden erhalten Einblicke in eine Welt, die uns ohne solche Bücher verschlossen bliebe.

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler ist 2014 bei Goldmann erschienen, das Taschenbuch dann im Januar 2016.