In meiner Generation gibt es jede Menge Menschen, die Andreas heißen. Dass sich hinter diesem Namen ein Typ verbirgt oder auch nicht verbirgt, sondern sich offen darstellt, macht Karsten (noch so ein Name) Dusse in seinem neuen Roman deutlich. Nach der klug beschriebenen Achtsam Morden-Reihe nimmt uns der schreibende Jurist mit auf den Immenhof, Synonym für den Heile-Welt-Entwurf der Fünfziger Jahre. Dass diese Welt heute ein modernes Business-Hotel und alles andere als heile ist, lässt sich rasch erahnen. Protagonistin Sophie, die zum Geburtstag eine Auszeit in der eigenen Kindheit nehmen will, wacht neben einer abgetrennten Hand auf.
Rekonstruktion statt Achtsamkeitslehre
Wo Björn Diemel seine Taten früher mit stoischer Achtsamkeit und kalkulierter Präzision abarbeitete, ist Sophie zu radikaler Schadensbegrenzung verdammt. Dusse gliedert das Geschehen konsequent entlang der verstreichenden Stunden und der mühsamen Rekonstruktion einer Nacht, von der nur dichter Nebel geblieben ist. Dieser Kniff treibt das Erzähltempo spürbar nach oben: Jeder Erinnerungsschnipsel, jedes skurrile Fundstück im Hotelzimmer wird zur existenziellen Spurensicherung in eigener Sache. Wer nach einer durchzechten Feier mit einer fremden Hand im Bett aufwacht, hat kein Zeitmanagement-Problem mehr, sondern ein kriminalistisches.
Hier entfaltet Dusse wieder seine große Stärke im Zeichnen schräger, aber erstaunlich schlüssiger Konstellationen. Der verhängnisvolle Abend war als Befreiungsschlag gedacht, kippt aber durch die Anwesenheit ganz unterschiedlicher Charaktere – und besagtem Andreas – in eine unberechenbare Eigendynamik. Dusse seziert die Zwischenmenschlichkeiten mit gewohnt trockenem Seziermesser: Wer nutzt wen aus, wer verfolgt welche verdeckten Interessen, und wie viel Absicht steckt hinter einem vermeintlich zufälligen Ausraster?
Was diesen Roman – wie schon Dusses frühere Bücher – so vergnüglich macht, ist sein unerbittlicher Blick für menschliche Unzulänglichkeiten. Dusse kann gnadenlos urteilen. Er beobachtet seine Figuren nicht nur, er seziert sie mit der chirurgischen Präzision des geschulten Juristen. Ob eitles Posing, schlecht kaschierte Inkompetenz oder die typischen Lebenslügen unserer Gegenwart: Dusse skizziert Typen nicht einfach, er stellt sie bloß. Und das Schöne daran ist: Er tut es ohne moralischen Zeigefinger, dafür mit einer so trockenen, Pointen-orientierten Treffsicherheit, dass man beim Lesen ertappt schmunzeln muss. Niemand kommt bei ihm ganz ungeschoren davon – am wenigsten die, die sich für besonders clever halten.
Der Immenhof als Spiegel der Gegenwart
Der Schauplatz ist dabei weit mehr als nur nostalgische Kulisse. Dass der einst romantische Hof zum durchgestylten Seminar- und Eventhotel umgestaltet wurde, nutzt der Autor für feine Spitzen gegen die moderne Corporate-Welt. Zwischen teambildenden Maßnahmen, Tagungspauschalen und künstlicher Wohlfühlatmosphäre wirkt die abgetrennte Hand wie der ultimative Störfall im Betriebsablauf – ein herrlicher Kontrast zwischen Kitsch-Vergangenheit und Event-Gegenwart, den Dusse bis ins Detail auskostet.
Filmriss auf Immenhof zeigt eindrucksvoll, dass Karsten Dusses humorvoller Blick auf menschliche Abgründe auch außerhalb seines bisherigen Erfolgsuniversums bestens funktioniert. Der Tapetenwechsel tut der Erzählung gut: Der typische, trockene Beobachtungshumor bleibt erhalten, bekommt durch den Zeitdruck der Hauptfigur aber einen ganz eigenen, frischen Zug. Ein rundum gelungener Ausflug auf ein Terrain, das alles ist – nur keineswegs friedlich.
Karsten Dusse, Filmriss auf dem Ponyhof, Heyne 2026