Neuerdings zieht es mich immer öfter zurück in alte virtuelle Welten. Möglicherweise ist das meine schon seit Jahren mit großer Freude in die Wirklichkeit umgesetzte Leidenschaft für Analoges. Dabei gibt es tatsächlich Mitmenschen, die mich belächeln, weil ich hin und wieder einen tragbaren Kassettenrekorder trage. Und ich frage jetzt nicht in der Arroganz der Wissenden: Was soll ich denn sonst damit machen? Ich habe ja auch noch Kassetten. Die herrlichen Violinkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy und Max Bruch etwa, aufgespielt von Yong Uck Kim und den Bamberger Symphonikern. I Like!
Gerade spiele ich wieder mit den alten Blogspot-Seiten, die ich 2003 (!) angemeldet habe. Schön war das: Hundert Prozent kostenlos, kein Hosting weit und breit, extrem einfache Einrichtung. Das ist nach wie vor so. Und für Google kosten die verbleibenden Text-Blogs im Vergleich zum Videodienst YouTube nahezu nichts. Außerdem müsste sich der Mega-Konzern bei Abschaltung wahrscheinlich Marktverzerrung und Monopolbildung vorwerfen lassen.
Vielleicht gehe ich deshalb trügerisch davon aus, dass Google Blogspot nicht von jetzt auf gleich versenkt, sondern mit Minimal-Support weiteführt. Und ab und zu gibt es ja auch wirklich kleine Interface-Updates, leider auch andersrum, was zur Folge hat, dass einst innovativ geltende Designs nicht mehr vorhanden sind. Schade eigentlich.
Etwas dramatischer lief die Entwicklung bei NetObjects Fusion, dem ersten Homepage-System, dass ich mir gekauft habe und von dem ich ziemlich begeistert war. Okay, die vorgefertigten Design-Vorlagen mit plastischen Buttons, Verläufen und strukturierten Hintergründen hatte man nach zwei Wochen zwar übergesehen, aber für die damalige Zeit sah das erst einmal „professionell“ aus. Und es fühlte sich Anfang der 2000er in der Tat wie Zauberei an: Man schob ein Element zwei Pixel nach rechts, klickte auf „Publizieren“ – und die Seite stand im Netz.
Auch NOF wollte ich neulich mal wieder ausprobieren. Und siehe da: Die Community gibt es noch und nutzt vor allem Mobirise. NOF-Nutzer waren es gewohnt, ein Programm lokal auf ihrem Windows-PC oder Mac zu installieren, dort ihre Seiten zu bauen und per FTP hochzuladen. Mobirise funktioniert genau nach diesem Prinzip, während viele andere Alternativen zu reinen Web-Baukästen mit monatlichen Abo-Gebühren (wie Wix oder Squarespace) wurden. NOF selbst habe ich aktuell nicht gefunden, auch nicht die Kostenlos-Version, die noch einige Jahre im Netz stand, kurzum: NetObjects Fusion ist (ich mag dieses Wort eigentlich nicht) Totware.
Bleibt die Blogger-Version von Antville, betrieben vom Verein für Entwicklung, Betrieb und Unterstützung freier Publishing-Software. Nach eigenen Angaben betreut ein gerade zweistelliger Personenkreis „zum Teil schon seit Jahren die Community auf Antville.org sowie den Server und die Software.“ Hier finden sich auch heute noch nahezu täglich aktualisierte Blogs, auch wenn, wie gerade mitgeteilt wird, Registrierungen „bis auf Weiteres“ nicht möglich sind. Grund könnten die Spam-Attacken sein, mit denen die Plattform gerade arg zu kämpfen hat. Ansonsten sollte sich blogger.de dringend um eine bessere Mobil-Darstellung bemühen.
Bei Betrachtung der Systeme fällt insgesamt auf, dass kreatives Material verloren gegangen ist oder beizeiten verloren gehen könnte. Vielleicht sollte man Texte und Fotos und Musik mit Blick auf die möglicherweise interessierte Nachwelt noch auf andere Weise festhalten. Vielleicht als Buch.