Ein Künstler ist ein Künstler ist ein Künstler

Ich mag schon den deutschen Titel: Der Lärm der Zeit. Man könnte ihn auch als „Der Lärm derzeit“ lesen. Und genau deshalb wirkt Julian Barnes‘ Roman heute erstaunlich gegenwärtig. Er erzählt von Diktatur, von Angst und vom schmerzhaften Opportunismus eines Künstlers. Während der Lektüre ging mir immer wieder ein leicht abgewandelter Satz von Gertrude Stein durch den Kopf: Ein Künstler ist ein Künstler ist ein Künstler.

Ob man Dmitri Schostakowitsch seine Anbiederung an das System verzeihen kann, will ich gar nicht beurteilen. Befremdlich bleibt sein Verhalten allemal, dessen zerrissene Innenwelt Barnes eindrucksvoll nachzeichnet. Man muss sich nur seine Lage vor Augen führen: Du bist Künstler. Du willst und kannst nur in dem Land leben, in dem du geboren wurdest. Und vor allem hast du Angst. Immer. Nachts wartest du bereits angezogen am Fahrstuhl, damit deine Familie nicht mitansehen muss, wie die Schergen des Regimes dich abholen.

Interessiere ich mich eigentlich für Dmitri Schostakowitsch? Diese Frage habe ich mir selbst gestellt und mit einem klaren Ja beantwortet. Ich liebe klassische Musik, auch wenn ich Schostakowitsch vielleicht nicht so verehre wie Bach, Händel oder Vivaldi. Doch Barnes schreibt nicht nur über Musik. Er schreibt über die Bedingungen, unter denen Kunst überhaupt entstehen kann. Über Lebensentwürfe, die eigentlich Freiheit voraussetzen – und genau diese Freiheit existiert hier nicht. Die Macht bestimmt alles. Sie entscheidet, wie Schostakowitsch arbeiten soll, wie er leben soll. Und schließlich, wie Barnes schreibt: „Jetzt ließ sie durchblicken, dass er unter Umständen gar nicht mehr leben sollte.“

Gnade scheint nur möglich, wenn er öffentlich Abbitte leistet. Für seine Oper Lady Macbeth von Mzensk. Nachdem Stalin eine Aufführung vorzeitig verlassen hatte, erschien in der Prawda das vernichtende Urteil. Eine solche Veröffentlichung war kein gewöhnlicher Verriss. Sie war ein staatliches Urteil, gegen das es keinen Widerspruch geben konnte – weder jetzt noch später.

Getrennte Liebe

Barnes verfolgt diese existenzielle Enge bis ins Privatleben. Selbst dort zerbricht das vermeintliche Idyll: „Aber ein Idyll wird per definitionem erst dann zu einem Idyll, wenn es vergangen ist.“ Seine Liebe zu Tanja erscheint ihm am ungetrübtesten, wenn sie getrennt sind; in der Nähe treten Erwartungen hervor, die niemand erfüllen kann. Rückblickend fragt man sich, ob Schostakowitsch früher hätte erkennen müssen, wohin sich das Land entwickelt. Vielleicht. Doch Barnes erinnert daran, dass er eben kein Politiker war. Er war jung. Er war erfolgreich. Er war ein Künstler. Ein Künstler ist ein Künstler ist ein Künstler.

Die Geschichte bleibt tragisch, selbst als Stalin längst tot ist und eine vermeintlich „süßere Luft“ weht. Freiheit? Nein. Unter Chruschtschow wird sie lediglich anders definiert. Es ist besser, schreibt Barnes, „so wie das Leben eines Gefangenen in Einzelhaft besser wird, wenn er einen Zellengenossen bekommt, am Gitter hochklettern und die Herbstluft schnuppern darf und wenn der Wärter nicht mehr in seine Suppe spuckt.“ Zumindest nicht im Beisein des Gefangenen. Die Macht bleibt unangreifbar. Sie überlebt ihre Herrscher, schreibt Lebensläufe um und fälscht die Erinnerung.

Barnes legt eindrucksvoll offen, wie Diktaturen mit Künstlern umgehen: Sie vereinnahmen sie, manipulieren sie, brechen ihren Widerstand und machen sie nicht selten zu Mitwirkenden am eigenen System. Gerade deshalb liest sich dieser Roman heute erschreckend aktuell. Man würde manchmal gern in die Köpfe jener Künstler blicken, die auch heute unter autoritären Regimen arbeiten und täglich zwischen Anpassung und Haltung abwägen müssen – ohne sich dabei vorschnell aus der sicheren Distanz eines freien Landes zum Richter aufzuschwingen.

Ein Roman also, der weit über die Biografie Dmitri Schostakowitschs hinausweist und lange nachhallt.

Julian Barnes, Der Lärm der Zeit, Kiepenheuer & Witsch, Roman, aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Köln 2017.

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